Guinea

Ein Einblick in Aimée's Gedanken

22.7.2021
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8
Min.

Aimée, was hat dich dazu bewogen, einen Einsatz zu machen und deine Komfortzone zu verlassen?

Diesen Einsatz mache ich aus verschiedenen Gründen, aber hauptsächlich, weil ich der Überzeugung bin, dass man sich in einem neuen Umfeld weiterentwickeln kann. So hat mich der Gedanke, persönlich, im Glauben und auch beruflich Neues zu lernen, dazu bewogen, nach Guinea zu kommen. Menschen an verschiedenen Orten gestalten ihr Leben auf so unterschiedliche Weise und doch findet man überall Dinge, die uns verbinden. Ausserdem möchte ich meinen persönlichen Teil dazu beitragen, das herrschende Ungleichgewicht an wirtschaftlichem Reichtum und damit verbundenen Möglichkeiten auszugleichen. Ich glaube nicht, mit meinem Einsatz die Welt zu retten, aber wenn jeder Einzelne im Kleinen Gutes tut, kann man gemeinsam Grosses bewirken. Ausserdem steckt im gegenseitigen und insbesondere im interkulturellen Austausch zwischen Menschen extrem viel Potential. Und ich hatte schon immer die Sehnsucht, den afrikanischen Kontinent live kennen zu lernen.

Wie bist du zu SAM global gekommen?

Ich hätte niemals gedacht, dass ich mit einer christlichen Organisation für Entwicklungszusammenarbeit nach Afrika gehen würde. Sogenannten «Hilfsorganisationen» gegenüber war ich grundsätzlich sehr skeptisch eingestellt, und erst recht christlichen. Nicht der christliche Glaube selbst störte mich, sondern ich empfand die Art und Weise, wie in wirtschaftlich ärmeren Gebieten der Welt «geholfen» wird, als engstirnig und hochnäsig. Dazu ist in der Vergangenheit im Namen des christlichen Glaubens viel Unrecht geschehen. So war meine Meinung über solche Organisationen ziemlich negativ und ich wollte nichts damit zu tun haben. Aber anscheinend hatte Gott beschlossen, meine Ansichten auf den Kopf zu stellen. Plötzlich wurde ich von allen Seiten her mit diesem Thema konfrontiert und ich kam mit SAM global in Kontakt. Gleichzeitig lernte ich einen guten Freund kennen, der Moslem ist und mich in vielen Gesprächen mit dem Islam in Berührung gebracht hat. Im Nachhinein sehe ich, wie Gott mich schon lange auf diesen Einsatz hier in einem muslimischen Gebiet vorbereitet hat. Und ich weiss jetzt, dass Gottes Auftrag bedeutet, seine Liebe zu leben und teilen. Es gibt darin keinen Raum für Druck oder Zwang. Die Liebe ist das natürliche Produkt eines Lebens mit Christus, wozu wir berufen sind. Sie lässt keinen Raum für Manipulation, Berechnung oder Gier, sondern sie befreit Menschen.

Du hast auf Social Media in einem Post geschrieben, dass hier in Guinea «Fremde zu Freunden geworden sind». Wie kam es dazu?

Ich kann mich noch gut an meine Anfangszeit hier erinnern. Ich hatte Angst, keine Freunde zu finden. So bin ich viel in der Umgebung spazieren gegangen und habe die Leute unterwegs gegrüsst. Bei manchen wurde ich eingeladen, mich zu ihnen zu setzen. Mit der Zeit habe ich mich besonders bei einer Familie sehr wohl, ja schon fast «daheim» gefühlt. Oft suchen auch die Einheimischen die Freundschaft zu mir, was mich sehr freut und manchmal auch herausfordert. Ich achte bei neuen Bekanntschaften bewusst darauf, ob ich mich als Person willkommen fühle - das hat schlussendlich zu meinen jetzigen Freundschaften geführt.

Hattest du schon immer eine Leidenschaft für fremde Menschen?

Eine Leidenschaft für Menschen im Allgemeinen hatte ich glaub immer schon. Und ich habe ein tiefes Mitgefühl mit Menschen, die sich fremd, am falschen Platz oder nicht willkommen fühlen. Mir ist es sehr wichtig, dass sich mein Gegenüber als Person angenommen fühlt und ganz sich selbst sein kann. Die Person soll spüren, dass sie okay ist, so wie und wer sie ist.

Hast du dich jemals selbst als Fremde gefühlt?

Ja sehr oft. Ich glaube, daher kommt auch mein Mitgefühl mit Menschen, die sich fremd fühlen. Als eine kulturell gemischte Person, das heisst in meinem Fall als Kind einer Schweizer Mutter und eines kongolesischen Vaters, war ich von klein auf mit diesem Thema konfrontiert. Ich gleiche äusserlich weder meiner Mutter noch meiner Schwester noch meinem Vater. Ich bin also optisch fremd in meiner eigenen Familie. In der Schule war ich wegen meiner dunklen Haut die Fremde und bei meinen kongolesischen Verwandten bin ich die Weisse. In der Schweiz, wo ich aufgewachsen bin, werde ich ständig gefragt, woher ich denn komme, und mein gutes Berndeutsch wird kommentiert.
So ergeht es vielen kulturell gemischten Kindern. Dass Gefühl, fremd zu sein, kommt nicht von ihnen selbst, sondern es wird ihnen immer wieder auf subtile Art und Weise von anderen mitgeteilt. Das Unangenehme daran ist, dass man sich nicht verstanden und dadurch einsam fühlt. Das wünsche ich niemandem. Ich musste lernen und lerne immer noch, damit umzugehen. Wenn mich die einen als schwarze Person und die anderen als weisse Person sehen, stört mich das, weil die Wirklichkeit irgendwo dazwischen liegt und ich somit als Person missverstanden werde. Das ändert jedoch nichts an meiner Identität als Gottes Kind. Und ich weiss, dass Gott sieht, wer ich als Ganzes bin. Das gibt mir Frieden.

Ausserdem sehe ich in meiner kulturell gemischten Identität extrem viele Vorteile, wie beispielsweise meine grundsätzliche Offenheit gegenüber anderen Lebensweisen oder Menschen sowie meine Mehrsprachigkeit. Dadurch, dass man sowieso überall fremd ist, hat man die Freiheit und das Privileg, auch überall zuhause zu sein.

Wie nimmst du Grenzen in Bezug auf Liebe gegenüber fremden Menschen war?

Die erste und die natürliche Reaktion von uns Menschen auf Fremdes ist erst einmal Abwehr. Denn was fremd ist, kennen wir nicht, und was wir nicht kennen, macht uns oft Angst. Wo aber Liebe herrscht, hat es keinen Platz für Angst und Misstrauen. Und genau da liegt, glaube ich, die Herausforderung oder die Grenze: nämlich diesen ersten Reflex zu überwinden und mit einer liebevollen Offenheit auf sein Gegenüber zuzugehen. Wenn wir uns unserer eigenen Identität tief bewusst sind, kann uns nichts noch so Fremdes ins Wanken bringen. Die Begegnung mit Fremden führt dann vielmehr zu gegenseitigem Wachstum und innerer Festigung.

Du verfolgst vielleicht auch aktuelle Bewegungen wie Black Lives Matter. Hast du das Gefühl, dass unsere Gesellschaft einer grenzenlosen Liebe untereinander näher kommt oder müssen wir – weil dies nicht der Fall ist – umso mehr dafür kämpfen?

Was ich von der aktuellen Geschichte der Menschheit so mitbekomme, sind wir heute weit entfernt von einer grenzenlosen Liebe untereinander. Das heisst nicht, dass es sich nicht lohnt, für mehr Liebe zu kämpfen. Gerade bei Black Lives Matter geht es um den Kampf gegen Rassismus, was auch viel mit Fremdsein und dem Umgang mit Fremdem zu tun hat. Im Kampf dagegen geht es darum, die Unterschiede der Menschen anzuerkennen und die Schönheit  darin zu sehen. Gott hat uns alle unterschiedlich geschaffen und das ganz bewusst. Manche haben krause Haare, manche glatte. Und die Hautfarben, die Gott geschaffen hat, sind alle so vielfältig und schön, genauso wie die unterschiedlichen Kulturen. Leider neigen wir dazu, das Fremde zu werten. Wir beschliessen (bewusst oder unbewusst) dass eines besser, schöner oder wertvoller ist das andere - das ist Rassismus. Das äussert sich auf ganz unterschiedliche Weisen: in der Sprache, in herrschenden Schönheitsidealen, in der Verteilung von Reichtümern und medizinischer Versorgung. Dabei kann man Andersartigkeit auch einfach akzeptieren, ohne sie zu werten. Das ist, glaube ich, unsere Aufgabe, das ist Liebe.

Kostet es dich viel Kraft, Grenzen zu überwinden gegenüber Menschen, die anders oder fremd oder vielleicht auch unsympathisch sind oder andere Ansichten haben?

Das kommt ganz auf die Situation an. Grundsätzlich glaube ich, dass das Gespräch und der Austausch mit andersdenkenden Menschen wichtig ist. Das motiviert mich, auf fremde oder mir nicht so sympathischen Menschen zuzugehen. Nur Diskussionen mit denen zu führen, die alle genau der gleichen Meinung sind, bestätigen die eigenen Ansichten, doch sie bieten keinen Raum für Neues und für Wachstum. Praktisch umgesetzt ist das natürlich nicht immer so einfach. Ich habe Mühe mit Menschen, die andere als weniger wertvoll als sich selbst betrachten, sei das aufgrund des Einkommens, der Herkunft oder der Lebensweise. Aber ich ertappe ich mich auch selbst immer wieder in solch negativen Mustern. Also ja, manchmal kostet es mich viel Kraft.

Hättest du einen Ratschlag für mich, wie ich fremden Menschen mehr Liebe zeigen kann?

Mein erster Ratschlag ist das Gebet. Wir können Gott darum bitten, dass er uns fremden Menschen gegenüber Liebe schenkt. Wenn wir Mühe mit Fremden haben, können wir versuchen, uns vorzustellen, mit welchen Augen Gott die Person vor uns sieht. Auch wenn sie uns vielleicht gerade nervt, wütend macht oder im Weg steht - Gott liebt sie nicht weniger und nicht mehr als er uns liebt. Ausserdem ist «fremd sein» so relativ. Für Gott ist kein Mensch fremd. Wir selbst brauchen nur über die Landesgrenze hinauszugehen, und schon sind wir selber Fremde.

Wie nimmst du Gott wahr in all dem?

Die menschliche Liebe ist begrenzt. Das heisst nicht, dass sie nicht Grosses bewirken kann, aber sie ist nicht bedingungslos. Wir brauchen immer einen Grund, um zu lieben. «Ich liebe dich, weil …». Aber Gott braucht keinen Grund, um uns zu lieben. Er liebt uns, weil er uns liebt - unsere blosse Existenz reicht ihm dafür aus.


«An eurer Liebe zueinander werden alle erkennen, dass ihr meine Jünger seid.»
Johannes 13,35


Wir sind ganz klar berufen zu lieben, und zwar alle Menschen. Wir können nicht Gott dienen, der alle Menschen liebt, und selber sagen, dass wir nur die lieben, bei denen es uns am leichtesten fällt. Aus eigener Kraft ist das unmöglich. Und da kommt Gott ins Spiel: Er durchforstet nämlich die Erde nach Menschen, die er bei dieser Aufgabe unterstützen kann. Er ist bereit, uns mit allem Nötigen auszustatten. Er füllt die Lücken unseres menschlichen Versagens, er baut Brücken, die kein Mensch alleine bauen könnte.

Was bedeutet Gottes grenzenlose Liebe für dich persönlich und für deinen Umgang mit anderen Menschen?

Gottes grenzenlose Liebe befreit mich vom Druck, alles richtig machen zu müssen. Sie befreit mich von der scheinbar unmöglichen Aufgabe, bedingungslos lieben zu müssen. Und sie erinnert mich daran, wie sehr ich Jesus brauche. Sie motiviert mich, sie inspiriert und führt mich.

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